Peter D. Zettel
Wirklichkeit

Komplexität

Gibt es eine Wirklichkeit - oder doch mehrere? Nagarjuna hat die menschliche Wahrnehmung der Welt einmal in eine absolute und eine relative Wahrheit (Wirklichkeit) differenziert. Dass er damit erstaunlich richtig lag bestätigt die moderne Wissenschaft. Obwohl, eine mittlerweile hundert Jahre alte Wissenschaft modern zu nennen, das hat schon was.

Wenn ich einen Stein werfe, dann wird der irgendwann wieder auf der Erde landen. Das ist die relative Wirklichkeit. Eine Folge der Gravitation. Nur dass es genau genommen keine Gravitation gibt, sondern nur eine Bewegung im Raum-Zeit-Kontinuum. Und meine Uhren zeigen eine konstante Zeit (relative Wirklichkeit). Nur die gibt es nicht, weder Raum noch Zeit sind linear (absolute Wirklichkeit).

Es gibt also eine absolute Wirklichkeit, die wir aber normalerweise nicht erleben können, aber wir können sie denken. Wenn wir einmal genau betrachten, was tatsächlich reale und konkrete und was nur relative und mehrdeutige Erscheinungen sind, dann stellt das unser tradiertes Weltbild nicht in Frage, sondern komplett auf den Kopf.

Falls Sie übrigens der Meinung sind, dass Sie das nicht zu interessieren braucht, dann ist das möglicherweise ein gewaltiger Irrtum. Unsere gesamte Wirtschaft würde ohne quantenphysikalische Erkenntnisse nicht existieren.

Das eigentliche Dilemma dabei, das was die Lösung so schwierig macht, sind meist wir selbst. Einfach deshalb, weil viele das unvollständige Weltbild (es gibt nur eine Wirklichkeit und die ist eindeutig) zur Grundlage des eigenen Selbstbildes gemacht haben. Wer aber gibt sein Selbstbild schon gerne auf?

Dazu kommt, dass Sprache kulturbedingt und die absoluten Wirklichkeit sich durch sie nicht ausdrücken lässt - sie gibt nur der relativen Wirklichkeit korrekt wieder.

Doch wenn die absolute Wirklichkeit auf der Strecke bleibt, bleiben auch wir auf der Strecke. Denn dann ist es uns nicht möglich, uns selbst zu sehen, wie wir tatsächlich sind.